Mathis Orgelbau - Referenzorgeln
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St. Gallen (CH), Kathedrale

St. Gallen, Chororgel



Disposition
1968 & 2006 Restaurierung der Chororgel, II-P/32

 

Evangelienorgel

Evangelienseite, Manual / C - f ''' Evangelienseite, Pedal / C - a °
Principal 8' Subbass 16'
Flaut Travers 8' Principalbass 8'
Copell 8' Cello 8'
Gamba 8' Octava 4'
Octav 4'    
Flute dous 4'    
Quint Flauten 2 2/3'    
Superoctav 2'    
Terzia 1 3/5'    
Mixtur 3fach 1'    
Vox humana 8'    
       
Pedalkoppel als Tritt      
Tremulant (neu)      
       
       
Epistelorgel      
Epistelseite, Manual / C - f ''' Epistelseite, Pedal / C - d '
Gross Bourdong 16' Praestant
16'
Principal 8' Subbass
16'
Copell 8' Principal
8'
Viola 8' Cello
8'
Quintatön 8' Mixtur 3fach
4'
Octav 4' Bombard
16'
Flauto 4' Trompeten
8'
Cornetto 2fach 2 2/3'  
Flageolet 2'  
Larigott 1 1/3'  
Fournitur 3fach 2'  
Trompeten 8'  
     
Koppeln II-I und I-P als Tritt  
Sperrventil als Tritt    
Tremulant Evangelienseite als Tritt    
       
     

mechanische Spiel- und Registertraktur.

 

 

St. Gallen, Chororgel

 

Hansjörg Gerig
Die historische Chororgel in der Kathedrale St. Gallen

Die Chororgel in der Kathedrale St. Gallen zählt zu den wichtigsten historischen Orgeln der Schweiz. Ihre Ursprünge gehen auf Victor Ferdinand und Karl Joseph Maria Bossard zurück, die laut Vertrag vom 15. Juli 1766 in die gegenüber liegenden Gehäuse des Chorgestühls eine Orgel mit 32 Registern einbauen sollten. Obwohl der für die Zweiteilung der Orgel notwendige unterirdische Trakturgang bereits vorbereitet war, vollendeten sie 1770 zwei einmanualige Instrumente, da sie das vertraglich vereinbarte zweimanualige Konzept mit zwei über zehn Meter langen horizontalen Trakturbahnen für die geteilten Manualwerke wohl aus technischen Gründen nicht verwirklichen konnten. Trotzdem war der Auftraggeber mit den Arbeiten der Bossards sehr zufrieden.

Das kleinere Werk mit 9 Registern kam zusammen mit den Blasbälgen auf der Epistelseite (Südseite, vom Schiff aus gesehen rechts), das grössere mit dem Pedalwerk (14+9 Register) auf der Evangelienseite zu stehen. Beide Seiten verfügten über einen eigenen Spieltisch. Die Epistelorgel besass höchstwahrscheinlich kein selbständiges Pedal, allenfalls war auf dieser Seite eine angehängte Pedalklaviatur vorhanden.

1805 wurde das Stift St. Gallen aufgehoben und die ehemalige Stiftskirche zur Hauptkirche des Kantons erklärt. Damit war die Chororgel, die vor allem zur Begleitung des Gesangs der Konventualen gedient hatte, ihrer wichtigsten Aufgabe enthoben, denn zur Beherrschung des grossen Gesamtraumes war sie naturgemäss nicht geeignet. Folgerichtig plante man die Erstellung einer Hauptorgel auf der 1808 bis 1810 neu geschaffenen Westempore. In diesen Jahren entstand auch ein neuer klassizistischer Hochaltar, während der Bilderzyklus in den Gewölben des Gotteshauses von Antonio Oratio Moretto bis 1821 völlig neu gestaltet wurde.

Zum Abschluss der Renovierungsarbeiten im Innenraum der Kirche beauftragte man Franz Anton Kiene mit einer Überholung der Chororgeln. Wurde auch eine »Reparatur« der Instrumente unterzeichnet, so handelte es sich in Wahrheit doch um eine vollständige Neuschöpfung, da Kiene die zwei selbständigen Orgeln Bossards zu einem einzigen zweimanualigen Instrument mit 30 Registern vereinte und es mit erheblichem Mehraufwand auch wieder für das Spiel durch zwei Organisten einrichtete. Das grössere Werk (»Hauptmanual«) kam neu auf der Epistelseite zu stehen, das Nebenmanual - bei Kiene immer »Positiv« genannt - wechselte auf die Evangelienseite. Der Spieltisch auf der Epistelseite wurde damit zum zweimanualigen Hauptspieltisch, von hier aus konnten die gekoppelten Werke gespielt werden. Der Spieltisch der Evangelienseite blieb einmanualig. Die Fertigstellung der Arbeiten war auf das Jahr 1824 versprochen, die erhaltenen Dokumente belegen jedoch, dass bis Ende Dezember 1825 an der Orgel gearbeitet wurde.

Die Chororgel der St. Galler Kathedrale muss nach diesem Umbau als Kiene-Orgel bezeichnet werden. Von den Bossards blieben nur noch einige umgearbeitete Bestandteile und wenige Register erhalten. Kienes Orgelklang lebt aus der Reichhaltigkeit der 8’- und 4’-Grundstimmen, die untereinander die Mischung unterschiedlichster Klangfarben und Klangstärken erlauben. Seine Orgeln waren stets mild intoniert. Aliquoten kamen kaum vor, da er nachgewiesenermassen deren Schärfe fürchtete, Zungenregister gab es nur spärlich. Technisch brauchen die Arbeiten Kienes den Vergleich mit anderen hervorragenden Orgelbauern seiner Zeit nicht zu scheuen: Schleifladen in klassischer Manier mit beidseits be-lederten Schleifenbahnen und mechanische Trakturen, welche auch den schwierigsten baulichen Situationen bei geteilten Orgelgehäusen gerecht wurden. Dass seine Zungenstimmen mit Schrauben zum Stimmen ausgerüstet sind, ist ein deutlicher Hinweis auf eine grosse Freude an durchdachten mechanischen Konstruktionen.

In den folgenden mehr als hundert Jahren gab es an der Chororgel nur kleinere Veränderungen wie die Reduktion von Chorzahlen sowie den Ersatz von vier Registern durch neue Stimmen.

1938 beschloss man im Anschluss an die Aussenrestaurierung der Kathedrale, die Chororgel durch Franz Gattringer reinigen und instand stellen zu lassen und sie mit einem elektrischen Gebläse zu versehen. Wurde dabei an den Gehäusen und Prospekten nichts und am klanglichen Konzept nur wenig geändert, so kam es mit Ausnahme der Windladen zu einem Umbau der technischen Anlage. Wichtigstes Anliegen war, eine leichte Spielbarkeit zu erreichen und eine freie Kombination realisieren zu können. Die ganze Orgel erhielt deshalb eine pneumatische Registratur, auch die Traktur der Evangelienseite wurde rein pneumatisch angelegt. Die Traktur der Epistelseite blieb zwar mechanisch erhalten, wurde aber mit Ausnahme einiger Wellenbretter neu aufgebaut. Ausserdem erhielt die Orgel einen neuen Magazinbalg und vier neue Regulatoren sowie ein Elektrogebläse.

Franz Gattringer und die damaligen Experten gingen vom hohen Ziel aus, die Orgel wieder funktionstüchtig zu machen, klanglich zu restaurieren und sie ihrem ursprünglichen Zustand von 1770 anzupassen. Eine Restaurierung nach den heutigen strengen Masstäben gelang ihnen nicht, da hierfür die Zeit damals noch nicht reif war. Trotzdem brachten die von Gattringer ausgeführten Arbeiten durchaus ein positives Resultat: Indem das wertvolle Instrument wieder funktionstüchtig wurde, konnte es in unsere Zeit hinübergerettet werden. Historisches Material wie die Windladen und die meisten Pfeifen aus der Bauperiode von Kiene oder früher blieben erhalten, wenn auch die alten Pfeifen durch eine Erhöhung des Winddruckes mehr oder weniger starke Veränderungen erfahren haben.

1961 bis 1967 wurde der Innenraum der Kathedrale einer gründlichen Wiederherstellung unterzogen, in deren Verlauf Manfred Mathis den Auftrag für die Restaurierung der Chororgel erhielt. Als einziges historisches Dokument lag hierfür der Vertrag mit den Bossards vor, die Akten von Kiene und Gattringer galten als verloren. Man beschloss aber, nicht auf den unsicheren Bossard’schen Urzustand zurückzugehen, was die Opferung der Kiene’schen Register erfordert hätte.

Im wesentlichen umfasste die Restaurierung durch Mathis die folgenden Arbeiten:

* Reinigung der Orgel, Restaurierung aller vorhandenen originalen Teile.

* Restaurierung und Ergänzung des Pfeifenwerkes.

* Einbau einiger neuer Stimmen (Ergänzung der Disposition mit neuen Stimmen im Bossard’schen Sinne, indem fehlende hochklingende Stimmen gemäss dem Vertrag von 1766 zugefügt und einige Registernamen angepasst wurden).

* Neubau einer rein mechanischen Spiel- und Registertraktur.

* Reaktivierung des Spieltisches auf der Evangenlienseite.

* Umgestaltung der Windanlage.

Sämtliche Trakturverbindungen wurden mechanisch neu erstellt. Alle Manualstimmen der Evangelienseite lassen sich heute wahlweise entweder vom Evangelienspieltisch oder vom zweiten Manual des Epistelspieltisches aus anspielen. Die ursprüngliche Konstruktion Kienes mit zwei Ventilen wurde wiederhergestellt. Auch die Registertraktur wurde vollständig neu gebaut, ebenfalls rein mechanisch. Die Schleifen der Evangelienseite können von beiden Spieltischen aus bedient werden. Alle Register mit Ausnahme des Praestant 16’ verfügen heute über eigene Schleifen.

Die Orgelrestaurierung von 1966/67 hat der Chororgel die technischen Grundlagen gegeben, welche für eine dauernde Funktionstüchtigkeit Voraussetzung sind. Dafür waren grosse Probleme zu bewältigen, vor allem, um auf dem zweiten Manual im Spieltisch der Epistelorgel eine einigermassen leichte Spielbarkeit der Evangelienseite realisieren zu können. Die Konstruktion der extrem langen Trakturverbindung, welche nur mit Modellversuchen im Masstab 1:1 verwirklicht werden konnte, verdient die Bewunderung aller Orgelkenner. Das gleiche gilt für die mechanische Registertraktur, welche für die Evangelienseite von beiden Spieltischen aus bedient werden kann. Aus der optimalen Schonung des alten Pfeifenmaterials - liebevoll und mit viel Mühe restauriert bzw. kopiert - resultiert die auffallende Klangschönheit dieser Orgel. Dabei sind der weiche, einfühlsame und singende Klang der Principale und der Reichtum der Klangfarben Merkmale, die besonders hervorstechen.

Die Orgelrestaurierung von 1966/67 hat das Instrument wieder näher an die von Franz Anton Kiene verwirklichte Konzeption herangebracht. Was zur Zeit von Franz Gattringer aus technischen Gründen noch nicht möglich war, wurde nun Wirklichkeit: Wieder eine rein mechanische Traktur! Mit diesem wesentlichen Gewinn, den erhaltenen Gehäusen, Prospekten und Windladen sowie dem sorgfältig konservierten Klangmaterial wurde ein Zustand erreicht, der im Gesamtzusammenhang wohl als definitiv bezeichnet werden kann. Die unter mehreren Meistern gewachsene Chororgel ist zu einem optisch und klanglich in sich geschlossenen einmaligen Denkmalinstrument geworden.

2006 wurde Mathis Orgelbau mit einer allgemeinen Revision betraut, die nun Gelegenheit gab, neben notwendigen Reparaturen auch einige zum Teil schon länger geplante Änderungen durchzuführen:

*  Die nicht originale gleichstufige Stimmung wurde in eine Stimmung nach Neidhard III umgewandelt. Das Modell Neidhard III wurde gewählt, um möglichst wenig Eingriffe an den Pfeifen vornehmen zu müssen.

*  Das 1967 neu ins Ensemble eingefügte Register Dulcian 16’ - dem Stil der Orgel fremd - wurde wieder durch eine Vox humana 8’ ersetzt. Weil bis heute nicht bekannt ist, wie Kiene dieses Register konstruiert hat, wurde eine Vox humana 8’ nach Vorbild der Gabler’schen Konstruktion dieser Register gebaut. Die Vox humana 8’ erhielt den ihr stilgemäss zugehörigen Tremulanten.

*  Die Cymbal 3f. 2/3’, welche 1967 gemäss dem Bossard’schen Vertrag neu ins Epistelmanual kam, wurde durch ein Cornetto 2f. 2 2/3’ ersetzt. Kiene hatte in seinem Vertrag bereits ein Cornetto vorgesehen, es dann aber nicht eingebaut. Gattringer realisierte 1939 ein solches Register, das aber 1967 wieder aus der Orgel entfernt wurde. Nun ist es erneut vorhanden und bereichert die Klangpalette in stilgerechter Weise.

*  Viola 8’ im Epistelmanual wurde neu in Schwebung zu den anderen 8’-Stimmen gebracht, womit diese Klangnuance in der Chororgel erstmals realisiert ist. Es darf als sicher angenommen werden, dass in Kiene-Orgeln in gut süddeutscher Tradition auch schwebende Stimmen vorhanden waren. Bis heute ist aber nicht nachgewiesen, wie Kiene sie in seinen Orgeln realisiert hat. Die neu geschaffene Möglichkeit drängte sich auf (zwei ähnliche Stimmen auf der gleichen Windlade) und kommt der historischen Situation sicher sehr nahe.

Nach dieser Revision steht die Chororgel wieder für viele Jahre voll funktionstüchtig zur Verfügung. Es ist eine grosse Freude, dieses Instrument zu hören und zu spielen, und es wäre sehr zu wünschen, dass ihm auch weiterhin Achtung, Rücksichtnahme, Sorgfalt und Verständnis zuteil wird. Die Chororgel wird ihrem Sinn aber nur gerecht, wenn sie regelmässig in Gottesdienst und Konzert zum Klingen kommt - die wesentlichere Aufgabe aber ist die erste, für die Orgeln eigentlich von sich aus zuerst bestimmt sind: »Laudate eum in chordis et organo« (Ps 150,4).

 

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