| mechanische Spiel- und Registertraktur.

Hansjörg Gerig
Die historische Chororgel in der Kathedrale
St. Gallen
Die Chororgel in der Kathedrale St. Gallen zählt zu den wichtigsten
historischen Orgeln der Schweiz. Ihre Ursprünge gehen auf Victor
Ferdinand und Karl Joseph Maria Bossard zurück, die laut Vertrag
vom 15. Juli 1766 in die gegenüber liegenden Gehäuse des
Chorgestühls eine Orgel mit 32 Registern einbauen sollten.
Obwohl der für die Zweiteilung der Orgel notwendige unterirdische
Trakturgang bereits vorbereitet war, vollendeten sie 1770 zwei einmanualige
Instrumente, da sie das vertraglich vereinbarte zweimanualige Konzept
mit zwei über zehn Meter langen horizontalen Trakturbahnen
für die geteilten Manualwerke wohl aus technischen Gründen
nicht verwirklichen konnten. Trotzdem war der Auftraggeber mit den
Arbeiten der Bossards sehr zufrieden.
Das kleinere Werk mit 9 Registern kam zusammen mit den Blasbälgen
auf der Epistelseite (Südseite, vom Schiff aus gesehen rechts),
das grössere mit dem Pedalwerk (14+9 Register) auf der Evangelienseite
zu stehen. Beide Seiten verfügten über einen eigenen Spieltisch.
Die Epistelorgel besass höchstwahrscheinlich kein selbständiges
Pedal, allenfalls war auf dieser Seite eine angehängte Pedalklaviatur
vorhanden.
1805 wurde das Stift St. Gallen aufgehoben und die ehemalige Stiftskirche
zur Hauptkirche des Kantons erklärt. Damit war die Chororgel,
die vor allem zur Begleitung des Gesangs der Konventualen gedient
hatte, ihrer wichtigsten Aufgabe enthoben, denn zur Beherrschung
des grossen Gesamtraumes war sie naturgemäss nicht geeignet.
Folgerichtig plante man die Erstellung einer Hauptorgel auf der
1808 bis 1810 neu geschaffenen Westempore. In diesen Jahren entstand
auch ein neuer klassizistischer Hochaltar, während der Bilderzyklus
in den Gewölben des Gotteshauses von Antonio Oratio Moretto
bis 1821 völlig neu gestaltet wurde.
Zum Abschluss der Renovierungsarbeiten im Innenraum der Kirche
beauftragte man Franz Anton Kiene mit einer Überholung der
Chororgeln. Wurde auch eine »Reparatur« der Instrumente
unterzeichnet, so handelte es sich in Wahrheit doch um eine vollständige
Neuschöpfung, da Kiene die zwei selbständigen Orgeln Bossards
zu einem einzigen zweimanualigen Instrument mit 30 Registern vereinte
und es mit erheblichem Mehraufwand auch wieder für das Spiel
durch zwei Organisten einrichtete. Das grössere Werk (»Hauptmanual«)
kam neu auf der Epistelseite zu stehen, das Nebenmanual - bei Kiene
immer »Positiv« genannt - wechselte auf die Evangelienseite.
Der Spieltisch auf der Epistelseite wurde damit zum zweimanualigen
Hauptspieltisch, von hier aus konnten die gekoppelten Werke gespielt
werden. Der Spieltisch der Evangelienseite blieb einmanualig. Die
Fertigstellung der Arbeiten war auf das Jahr 1824 versprochen, die
erhaltenen Dokumente belegen jedoch, dass bis Ende Dezember 1825
an der Orgel gearbeitet wurde.
Die Chororgel der St. Galler Kathedrale muss nach diesem Umbau
als Kiene-Orgel bezeichnet werden. Von den Bossards blieben nur
noch einige umgearbeitete Bestandteile und wenige Register erhalten.
Kienes Orgelklang lebt aus der Reichhaltigkeit der 8’- und
4’-Grundstimmen, die untereinander die Mischung unterschiedlichster
Klangfarben und Klangstärken erlauben. Seine Orgeln waren stets
mild intoniert. Aliquoten kamen kaum vor, da er nachgewiesenermassen
deren Schärfe fürchtete, Zungenregister gab es nur spärlich.
Technisch brauchen die Arbeiten Kienes den Vergleich mit anderen
hervorragenden Orgelbauern seiner Zeit nicht zu scheuen: Schleifladen
in klassischer Manier mit beidseits be-lederten Schleifenbahnen
und mechanische Trakturen, welche auch den schwierigsten baulichen
Situationen bei geteilten Orgelgehäusen gerecht wurden. Dass
seine Zungenstimmen mit Schrauben zum Stimmen ausgerüstet sind,
ist ein deutlicher Hinweis auf eine grosse Freude an durchdachten
mechanischen Konstruktionen.
In den folgenden mehr als hundert Jahren gab es an der Chororgel
nur kleinere Veränderungen wie die Reduktion von Chorzahlen
sowie den Ersatz von vier Registern durch neue Stimmen.
1938 beschloss man im Anschluss an die Aussenrestaurierung der
Kathedrale, die Chororgel durch Franz Gattringer reinigen und instand
stellen zu lassen und sie mit einem elektrischen Gebläse zu
versehen. Wurde dabei an den Gehäusen und Prospekten nichts
und am klanglichen Konzept nur wenig geändert, so kam es mit
Ausnahme der Windladen zu einem Umbau der technischen Anlage. Wichtigstes
Anliegen war, eine leichte Spielbarkeit zu erreichen und eine freie
Kombination realisieren zu können. Die ganze Orgel erhielt
deshalb eine pneumatische Registratur, auch die Traktur der Evangelienseite
wurde rein pneumatisch angelegt. Die Traktur der Epistelseite blieb
zwar mechanisch erhalten, wurde aber mit Ausnahme einiger Wellenbretter
neu aufgebaut. Ausserdem erhielt die Orgel einen neuen Magazinbalg
und vier neue Regulatoren sowie ein Elektrogebläse.
Franz Gattringer und die damaligen Experten gingen vom hohen Ziel
aus, die Orgel wieder funktionstüchtig zu machen, klanglich
zu restaurieren und sie ihrem ursprünglichen Zustand von 1770
anzupassen. Eine Restaurierung nach den heutigen strengen Masstäben
gelang ihnen nicht, da hierfür die Zeit damals noch nicht reif
war. Trotzdem brachten die von Gattringer ausgeführten Arbeiten
durchaus ein positives Resultat: Indem das wertvolle Instrument
wieder funktionstüchtig wurde, konnte es in unsere Zeit hinübergerettet
werden. Historisches Material wie die Windladen und die meisten
Pfeifen aus der Bauperiode von Kiene oder früher blieben erhalten,
wenn auch die alten Pfeifen durch eine Erhöhung des Winddruckes
mehr oder weniger starke Veränderungen erfahren haben.
1961 bis 1967 wurde der Innenraum der Kathedrale einer gründlichen
Wiederherstellung unterzogen, in deren Verlauf Manfred Mathis den
Auftrag für die Restaurierung der Chororgel erhielt. Als einziges
historisches Dokument lag hierfür der Vertrag mit den Bossards
vor, die Akten von Kiene und Gattringer galten als verloren. Man
beschloss aber, nicht auf den unsicheren Bossard’schen Urzustand
zurückzugehen, was die Opferung der Kiene’schen Register
erfordert hätte.
Im wesentlichen umfasste die Restaurierung durch Mathis die folgenden
Arbeiten:
* Reinigung der Orgel, Restaurierung aller vorhandenen originalen
Teile.
* Restaurierung und Ergänzung des Pfeifenwerkes.
* Einbau einiger neuer Stimmen (Ergänzung der Disposition
mit neuen Stimmen im Bossard’schen Sinne, indem fehlende hochklingende
Stimmen gemäss dem Vertrag von 1766 zugefügt und einige
Registernamen angepasst wurden).
* Neubau einer rein mechanischen Spiel- und Registertraktur.
* Reaktivierung des Spieltisches auf der Evangenlienseite.
* Umgestaltung der Windanlage.
Sämtliche Trakturverbindungen wurden mechanisch neu erstellt.
Alle Manualstimmen der Evangelienseite lassen sich heute wahlweise
entweder vom Evangelienspieltisch oder vom zweiten Manual des Epistelspieltisches
aus anspielen. Die ursprüngliche Konstruktion Kienes mit zwei
Ventilen wurde wiederhergestellt. Auch die Registertraktur wurde
vollständig neu gebaut, ebenfalls rein mechanisch. Die Schleifen
der Evangelienseite können von beiden Spieltischen aus bedient
werden. Alle Register mit Ausnahme des Praestant 16’ verfügen
heute über eigene Schleifen.
Die Orgelrestaurierung von 1966/67 hat der Chororgel die technischen
Grundlagen gegeben, welche für eine dauernde Funktionstüchtigkeit
Voraussetzung sind. Dafür waren grosse Probleme zu bewältigen,
vor allem, um auf dem zweiten Manual im Spieltisch der Epistelorgel
eine einigermassen leichte Spielbarkeit der Evangelienseite realisieren
zu können. Die Konstruktion der extrem langen Trakturverbindung,
welche nur mit Modellversuchen im Masstab 1:1 verwirklicht werden
konnte, verdient die Bewunderung aller Orgelkenner. Das gleiche
gilt für die mechanische Registertraktur, welche für die
Evangelienseite von beiden Spieltischen aus bedient werden kann.
Aus der optimalen Schonung des alten Pfeifenmaterials - liebevoll
und mit viel Mühe restauriert bzw. kopiert - resultiert die
auffallende Klangschönheit dieser Orgel. Dabei sind der weiche,
einfühlsame und singende Klang der Principale und der Reichtum
der Klangfarben Merkmale, die besonders hervorstechen.
Die Orgelrestaurierung von 1966/67 hat das Instrument wieder näher
an die von Franz Anton Kiene verwirklichte Konzeption herangebracht.
Was zur Zeit von Franz Gattringer aus technischen Gründen noch
nicht möglich war, wurde nun Wirklichkeit: Wieder eine rein
mechanische Traktur! Mit diesem wesentlichen Gewinn, den erhaltenen
Gehäusen, Prospekten und Windladen sowie dem sorgfältig
konservierten Klangmaterial wurde ein Zustand erreicht, der im Gesamtzusammenhang
wohl als definitiv bezeichnet werden kann. Die unter mehreren Meistern
gewachsene Chororgel ist zu einem optisch und klanglich in sich
geschlossenen einmaligen Denkmalinstrument geworden.
2006 wurde Mathis Orgelbau mit einer allgemeinen Revision betraut,
die nun Gelegenheit gab, neben notwendigen Reparaturen auch einige
zum Teil schon länger geplante Änderungen durchzuführen:
* Die nicht originale gleichstufige Stimmung wurde in eine
Stimmung nach Neidhard III umgewandelt. Das Modell Neidhard III
wurde gewählt, um möglichst wenig Eingriffe an den Pfeifen
vornehmen zu müssen.
* Das 1967 neu ins Ensemble eingefügte Register Dulcian
16’ - dem Stil der Orgel fremd - wurde wieder durch eine Vox
humana 8’ ersetzt. Weil bis heute nicht bekannt ist, wie Kiene
dieses Register konstruiert hat, wurde eine Vox humana 8’
nach Vorbild der Gabler’schen Konstruktion dieser Register
gebaut. Die Vox humana 8’ erhielt den ihr stilgemäss
zugehörigen Tremulanten.
* Die Cymbal 3f. 2/3’, welche 1967 gemäss dem
Bossard’schen Vertrag neu ins Epistelmanual kam, wurde durch
ein Cornetto 2f. 2 2/3’ ersetzt. Kiene hatte in seinem Vertrag
bereits ein Cornetto vorgesehen, es dann aber nicht eingebaut. Gattringer
realisierte 1939 ein solches Register, das aber 1967 wieder aus
der Orgel entfernt wurde. Nun ist es erneut vorhanden und bereichert
die Klangpalette in stilgerechter Weise.
* Viola 8’ im Epistelmanual wurde neu in Schwebung
zu den anderen 8’-Stimmen gebracht, womit diese Klangnuance
in der Chororgel erstmals realisiert ist. Es darf als sicher angenommen
werden, dass in Kiene-Orgeln in gut süddeutscher Tradition
auch schwebende Stimmen vorhanden waren. Bis heute ist aber nicht
nachgewiesen, wie Kiene sie in seinen Orgeln realisiert hat. Die
neu geschaffene Möglichkeit drängte sich auf (zwei ähnliche
Stimmen auf der gleichen Windlade) und kommt der historischen Situation
sicher sehr nahe.
Nach dieser Revision steht die Chororgel wieder für viele
Jahre voll funktionstüchtig zur Verfügung. Es ist eine
grosse Freude, dieses Instrument zu hören und zu spielen, und
es wäre sehr zu wünschen, dass ihm auch weiterhin Achtung,
Rücksichtnahme, Sorgfalt und Verständnis zuteil wird.
Die Chororgel wird ihrem Sinn aber nur gerecht, wenn sie regelmässig
in Gottesdienst und Konzert zum Klingen kommt - die wesentlichere
Aufgabe aber ist die erste, für die Orgeln eigentlich von sich
aus zuerst bestimmt sind: »Laudate eum in chordis et organo«
(Ps 150,4).

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