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Mariazell (AT),
Wallfahrtskirche St. Michael -
Haupt- bzw. Wiener Orgel
Die
Orgel
Disposition
CD
Chor-
bzw. Mariazellerorgel

Foto: © Günter Lade
Günter Lade
Die Haupt- bzw. Wiener-Orgel der
Wallfahrtskirche Mariazell
Konzept und technischer Aufbau
Der
Prospekt der grossen, 1739 fertig gestellten Westemporenorgel von Gottfried
Sonnholz (III-P-36) wies ursprünglich ein Rückpositiv auf, das
1868 von Orgelbauer Friedrich Werner aus Graz entfernt und wohl im Sinne
der auf kommenden romantisch-verschmelzenden Klangvorstellungen als neues
Teilwerk in das Hauptgehäuse integriert worden war. Erhalten blieben
lediglich das Architrav vor der Emporenbrüstung sowie vier Engelsfiguren,
die mit einer Wappenkartusche des Mutterstifts St. Lambrecht zu neuem
Dekor verbunden wurden, um die Lücke in der Mitte der geschwungen
vorkragenden sowie reich verzierten Emporenhälften zu verschliessen.
Dieses Rückpositiv war einst sowohl akustisch wie auch gestalterisch
von grosser Bedeutung: Das Gleichgewicht zwischen dem voluminösen
Hauptgehäuse und dem ursprünglich 11 Register aufweisenden Rückpositiv
ergab sich durch dessen exponierte Stellung in der Emporenbrüstung,
wo es neben seiner günstigen Klangabstrahlung auch optisch die seitlichen
Flügel des Hauptgehäuses miteinander verband und somit eine
überzeugende architektonische Einheit von Orgel und Orgelempore gewährleistete.
Die
Ausschreibung 1998 zum Bau einer neuen Westorgel sah im überkommenen
Hauptgehäuse der ehemaligen Sonnholz-Orgel ein Instrument mit Hauptwerk,
Nebenwerk, Schwellwerk und Pedal mit insgesamt 50 Registern vor, wobei
der Auftraggeber trotz Wiederverwendung des barocken Gehäuses ausdrücklich
keinen historisierenden Nachbau, sondern ein Instrument der Gegenwart
wünschte. Das Nebenwerk hätte dabei hinter dem zentralen 16'-Turm
des Prospekts gewissermassen als Oberwerk aufgestellt werden müssen,
wo es jedoch aufgrund der beengten Platzverhältnisse unter dem Gewölbebogen
die Klangentfaltung des darunter liegenden Hauptwerks sowie des dahinter
befindlichen Schwellwerks beeinträchtigt hätte. Mathis unterbreitete
deshalb auch eine Angebotsvariante mit Rekonstruktion des ehemaligen Rückpositivs,
die von den Mitgliedern der Mariazeller Orgelkommission bereits einmal
kurz angedacht, wegen der erwarteten Widerstände des österreichischen
Bundesdenkmalamtes jedoch wieder verworfen worden war. Die eingehenden
Diskussionen aller Beteiligten führten zum Erfolg: Das Bundesdenkmalamt,
vertreten durch Landeskonservator Hofrat Dr. Friedrich Bouvier, billigte
die Wiedererstehung des Rückpositivs, was nun nicht nur für
die überzeugende Anordnung von Pfeifenwerk, mechanischen Trakturen
und Spieltisch der Hauptorgel, sondern auch für die Mariazeller Gesamtorgelanlage
Folgen hatte, da die in der Ausschreibung geforderte elektrische Anbindung
der beiden Seitenorgeln in «Positivfunktion» zur Hauptorgel
nun aufgegeben werden konnte.
In
Übereinstimmung mit der Formgebung des erhaltenen Architravs, nach
dem Vorbild des Hauptgehäuses sowie in Anlehnung an die Prospekte
der Seitenorgeln erhielt der Prospekt des neuen Rückpositivs eine
doppelt geschweifte Front mit sieben Pfeifenfeldern. Die Gehäuseteile
unterhalb des Architravs, des Rückpositivkastens (Fichtenholz) sowie
der Schleierbretter (Lindenholz) wurden in Zusammenarbeit zwischen Mathis
und Restaurator Carl Maria Stepan aus Graz angefertigt.
Mit dem Ausbau der elektropneumatischen Taschenladen-Orgel im April 2001
konnte die gesamte Gehäusekonstruktion untersucht werden. Ausschreibung,
Angebot und Vertrag waren davon ausgegangen, dass das Sonnholz-Hauptgehäuse
von 1737/39 unverändert erhalten sei. Genaue Untersuchungen Stepans
führten jedoch zu der Erkenntnis, dass der Unterbau und die Gehäuseteile
auf der rückwärtigen Galerie wohl im Zuge des Umbaus durch Cäcilia
1929 wesentliche Veränderungen erfahren haben. Die Seitenwände
des Emporendurchgangs wurden deshalb unter Wiederverwendung historischer
Teile (Türen, Beschläge, etc.) in ihrer Originalgestalt rekonstruiert.
Die
historischen Zinnpfeifen des Prospektprincipals 16' wurden nach dem
Ausbau sorgfältig untersucht und inventarisiert. Sie erwiesen
sich als überraschend dünnwandig und waren an ihrer Rückseite
durch Ausschnitte teilweise auf die halbe Länge geöffnet
worden. Ausserdem fehlten bei einem Teil dieser Pfeifen die Kerne,
während andere Kerne nicht mehr wiederzuverwenden und somit zu
ersetzen waren. |

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| Die auf Ton geschnittenen Prospektpfeifen
(deren originaler, höherer Stimmton vermutlich 1912 oder 1929
u.a. durch Anbringen von Bartrollen erniedrigt worden war) hatten
enge Mensuren, wie dies im barocken österreichischen Orgelbau
üblich war. Ton C von Principal 8' wies einen Durchmesser von
137,2 mm auf, der nach der Mensurierungspraxis des modernen Orgelbaus
etwa einem Geigenprincipal entsprechen würde, während der
tiefste Ton von Principal 16' mit 251,0 mm heute ebenfalls eher als
Streicher zu bezeichnen wäre. |
Um die neue Orgel mit einem optimalen klanglichen Fundament ausstatten
zu können, schlug Hermann Mathis den Kommissionsmitgliedern vor,
Principal 16' des Pedals in Holz vollständig neu herzustellen und
die historischen Prospektpfeifen von nun an als Violonbass 16' C-f ' des
Pedals sowie Principal 16' c°-d''' des Hauptwerks (C-H mit neuen Holzpfeifen
auf der Windlade) zu nutzen.
In
den Etagenfeldern des Orgelprospekts fanden sich nicht klingende Principalpfeifen
einer doppelchörigen, mit 8' 2fach bezeichneten Schwebung,
die im Prospekt belassen wurden. Die Felder der Seitenwände zur Galerie
wiesen ein Konglomerat von Pfeifen einer ehemaligen Mixtur auf, die ebenfalls
stumm erhalten blieben. Im Innenwerk der Orgel fanden sich ansonsten keine
aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammenden Pfeifen.

Die Orgel in der Werkstatt im Bau
 
  
  
  
Montage in der Kirche
  
 

Der technische Aufbau der neuen Orgel präsentiert sich wie folgt:
Hinter den seitlichen Türmen des Hauptprospekts kam je eine Windlade
des Pedals zu stehen, während die zwei Windladen des Hauptwerks zentriert
Aufstellung fanden. Das hinter dem Hauptwerk befindliche Schwellwerk mit
ebenfalls zwei Windladen hat unter dem Gewölbebogen durch das Hauptwerk
freie Abstrahlmöglichkeiten in den Kirchenraum, während ganz
zurückstehend die voluminösen Pedalstimmen Untersatz 32' sowie
Principalbass 16' aufgebaut sind. Eigentlich sollten diese Register auf
der Galerie hinter der Orgel in eigenen Gehäusekörpern zu beiden
Seiten des Westfensters aufgestellt werden. Auf Wunsch und nach dem Entwurf
des verantwortlichen Basilikaarchitekten Wolfgang Feyferlik kamen die
bis zu 5,5 Meter hohen Pfeifen jedoch direkt hinter der Orgel frei auf
einem geschweiften Architrav zu stehen, das aus statischen Gründen,
da Feyferlik keine Stützen auf dem Emporenboden wünschte, mit
einer eingebauten Kastenträgerkonstruktion aus feuerverzinktem Stahl
(ähnlich Hochspannungsmasten) konstruiert wurde.
 
 
Aus Gründen der optimalen Absprache befinden sich die Pfeifen des
Principals 16' auf beiden Seiten der aussergewöhnlichen, 11.5 m langen
Windlade, während die Pfeifen des Untersatz 32' (C-Fis akustisch
als 10 2/3') direkt vor der Rückwand der Orgel Aufstellung fanden.
Die langwelligen Schallemissionen beider Register können sich von
hier aus sowohl durch den Emporeneingang wie auch über die Galerien
gut verbreiten.
Bezüglich der Spielanlage musste entschieden werden, diese wie einst
bei Sonnholz mit Blick des Organisten zum Kirchenschiff zu konzipieren
oder gemäss einer im österreichischen Orgelbau wiederholt anzutreffenden
Konzeption direkt an das Rückpositiv anzubauen. Die Entscheidung
fiel für einen freistehenden Spieltisch mit Blick zur Orgel, der
durch Reduktion der Positivtiefe von elf auf zehn Register vor dem Gehäuse
bündig mit den Prospektpfeifen aufgestellt werden konnte und so dem
Spieler eine relativ gute Klangkontrolle aller Teilwerke erlaubt. Die
Drehung um 180° brachte auch den Vorteil, dass das Rückpositiv
als schlanker Einzelkörper mit guter Zugänglichkeit zu seinem
Innenwerk konzipiert und ausserdem auch die mechanischen Trakturen des
Spieltisches orgelbautechnisch einfach gestaltet werden konnten.
Die
Spieltischgestaltung lehnt sich vor allem hinsichtlich der Proportionen
an das einstige Original von Sonnholz an, von dem Abbildungen erhalten
blieben. Die Einteilung ergab sich aus den Funktionen: alle Friese und
Rahmen sind tragendes Werk der Registertraktur, der Klaviaturen mit den
Tonabgängen sowie der Koppelanlage. Wie seit Jahrhunderten im Orgelbau
üblich, wurde in alter Manier für die Herstellung von Spieltisch,
Staffeleien und Orgelbank wertvolles Nussbaumholz verwendet, da durch
die Gerbstoffe bei der Verwendung von Eichenholz die zahlreichen Metallteile
eines Spieltisches rasch korrodieren können. Obwohl vom Orgelbauer
Natursichtigkeit des Nussbaumholzes vorgesehen war, wurde der Spieltisch
auf Wunsch und im Auftrag des Architekten in Übereinstimmung mit
dem historischen Orgelgehäuse sowie dem wieder erstandenen Rückpositiv
schwarz gefasst.
Die Spielanlage verfügt über drei Manualklaviaturen zu 56 Tasten,
die Untertasten sind mit Bein belegt und die Obertasten in Ebenholz gefertigt.
Die 30 Pedaltasten mit normaler Teilung sowie doppelt geschweifter Form
sind in Nussbaum gefertigt und die Obertasten mit Ebenholz belegt (c°
unter c').
Die Registerzüge sind werkweise angeordnet; links von unten nach
oben Pedal und Schwellwerk, rechts Hauptwerk und Rückpositiv. Die
Verteilung der Manuale entspricht der modernen, von der französisch-symphonischen
Orgel übernommenen Reihung: Hauptwerk (I), Positiv (II) und Schwellwerk
(III).
Der Arbeitsaufwand für das neue Instrument betrug mehr als 16.000
Arbeitsstunden, wobei in der Werkstatt der Firma Mathis neben dem Bau
der präzisen Spielmechanik auch alle Pfeifen aus hochwertigem naturgetrockneten
Holz hergestellt bzw. aus speziellen Metalllegierungen selbst gegossen,
poliert, gerundet, gelötet und vorintoniert wurden.
Das in der Gewölbenische über dem Schwellkasten befindliche,
aus Schalenglocken gefertigte Glockenspiel (g°-g'') erklingt von der
ersten Manualklaviatur. An weiteren Spielregistern wurden in die neue
Orgel eingebaut: Zimbelstern (vom Kirchenschiff aus nicht sichtbar), Vogelgesang
(vier verkehrt stehende und mit ihrer Öffnung in ein Wassergefäss
getauchte Pfeifen), Nachtigall (eine Pfeife, deren Tonhöhe mechanisch
verändert wird) sowie eine nach dem Auftraggeber Superior P. Karl
Schauer OSB benannte Regenmaschine (mit kleinen Eisenkugeln in einem aus
Holz gefertigten sowie an der Aussenkante mit Blech verkleideten Rad).
  
 
 
 
Die Windanlage der neuen Orgel kam mit zwei Magazinbälgen wie bei
Sonnholz an der Orgelrückwand über dem Emporeneingang zu stehen:
ein Balg für Hauptwerk und Pedal, der andere für das Schwellwerk
und die beiden Bassregister auf dem hinter der Orgel befindlichen Architrav.
Das Rückpositiv verfügt über einen eigenen Balg, der sich
in seiner unmittelbaren Nähe im Emporenboden befindet.

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