| Mariazell (AT),
Wallfahrtskirche St. Michael -
Chor- bzw. Mariazeller Orgel
Die
Orgel
Disposition
CD
Haupt-
bzw. Wiener Orgel

Foto: © Günter Lade
Günter Lade
Die Chor- bzw. Mariazeller-Orgel
der Wallfahrtskirche Mariazell
Konzept und technischer Aufbau

Die Mariazeller Wallfahrtsbasilika geht auf eine gotische Kirche zurück,
die ab 1640 barockisiert sowie in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts
von Baumeister Domenico Sciassia aus dem Mutterstift St. Lambrecht beträchtlich
nach Osten erweitert wurde. Die Gnadenkapelle, ursprünglich Mittelteil
eines Volkskirche und Priesterchor trennenden Lettners, verblieb bei diesem
Zubau an ihrem angestammten Ort. Sie teilt den 84 Meter langen Kirchenraum
architektonisch in zwei etwa gleich grosse Hälften: in einen westlichen
Raum, der seinen Ursprung als gotische Hallenkirche noch erkennen lässt,
sowie in einen monumentalen östlichen Kuppelraum, der Ende des 17.
Jahrhunderts von Johann Bernhard Fischer von Erlach mit einem imposanten
Hochaltar ausgestattet wurde.
Diese architektonische Teilung hatte für die Mariazeller Orgelgeschichte
grosse Bedeutung. 1737 bis 1739 baute Gottfried Sonnholz auf der Westempore
ein dreimanualiges Werk mit 36 Registern. 1752 folgten ausserdem auf der
Höhe des Gnadenaltares zwei einmanualige Orgeln auf den Seitenemporen,
mit deren Aufstellung der einheimische «organarius cellensis»
Joseph Georg Schnepfleithner betraut wurde. Die Salzburger Firma Cäcilia
versuchte 1929, den Kuppelraum in ein Geamtorgelkonzept mit einzubeziehen.
Als drittes Manual einer im historischen Sonnholz-Gehäuse eingebauten
elektropneumatischen Hauptorgel baute sie hinter der Glorie des Hochaltars
ein schwellbares Fernwerk (10 Manual- und 1 Pedalregister), das jedoch
mit seinem säuselnden Klang der Aufgabe einer «Chororgel»
niemals gerecht werden konnte und deshalb anlässlich der Restaurierung
des Hochaltars (1997 bis 2000) vollständig entfernt wurde.
 
Wie in der Einladung zur Anbotlegung für eine neue Chororgel 1997
ausgeführt, macht heute die erneuerte liturgische Praxis wieder eine
grössere Orgel für den östlichen Liturgiebereich notwendig:
«Die Basilika ist durch die Cella mit dem Gnadenaltar in zwei Liturgiebezirke
geteilt. Die westliche Hälfte ist der Raum für die Wallfahrtsgottesdienste.
Die östliche Hälfte der Kirche mit dem neu gestalteten Liturgiebezirk
Presbyterium-Kuppelraum-Vierungsraum ist der Ort für grössere
und sehr grosse Liturgiefeiern sowie für den Pfarrgottesdienst. Da
es aus mehreren Gründen nicht möglich ist, mit der Westorgel
die liturgischen Aufgaben einer Orgel für den östlichen Liturgiebezirk
adäquat zu erfüllen, wird dieser Bereich ein eigenständiges
Instrument erhalten ...» (Superior P. Karl Schauer, Orgelkommission
Mariazell: Konzept. Vordere Orgel in der Basilika Mariazell. Einladung
zur Anbotlegung, Mariazell 1997)
Die Überlegungen der von Superior P. Karl Schauer OSB einberufenen
Orgelkommission betrafen zunächst mögliche Standorte wie eine
mittelachsige Aufstellung unmittelbar an der Ostseite der Gnadenkapelle
bzw. eine doppelseitige Konzeption, wie sie in der Geschichte des Orgelbaus
u.a. in der Stiftskirche der Benediktinerabtei Einsiedeln verwirklicht
wurde. Die Entscheidung fiel schliesslich für eine neue Orgel an
der Nordwand des Kuppelraumes, wo das Werk zwischen den eng beieinander
liegenden Eingängen des Treppenaufgangs zu den Galerien (Rundgiebel)
sowie zur nördlichen Sakristei (Dreiecksgiebel) zu stehen kommen
sollte. Um den Prozessionsweg innerhalb der Kirche nicht zu beeinträchtigen,
wurden dem Orgelbauer an maximalen Dimensionen eine Tiefe des Orgelfusses
sowie des Pfeifenwerks inklusive Stimmgang von jeweils einem Meter sowie
über den Gesimsen der beiden Türen eine Prospektbreite von etwa
fünf Metern vorgegeben, wobei laut Ausschreibung ausdrücklich
keine historisierende, sondern eine moderne Prospektgestaltung gewünscht
wurde.
Der Auftrag zum Bau der neuen Orgel wurde im März 1998 an die Firma
Mathis Orgelbau vergeben, deren Offerte und Prospektentwurf die Mitglieder
der Orgelkommission überzeugen konnte.
Als Ausgangspunkt für die technische Anlage des Werkes wurden die
Vorgaben der Orgelkommission respektiert, sodass die äusseren Masse
eingehalten wurden und sich die Werk- und Ladenplatzierung in einer quasi
Kreuzform präsentieren. Oberhalb der Spielanlage befindet sich das
Präludierwerk, dessen Schwelljalousien durch den vorgeblendeten Prospekt
nicht sichtbar sind. In der Höhe des Architravs befindet sich darüber
mittig das Hauptwerk, das durch die beiden Pedalladen flankiert wird.
Die flächige Aufstellung des Pfeifenwerks und die daraus folgende
Ladenplatzierung garantieren eine optimale Klangabstrahlung sowie durch
kürzeste Verbindungswege eine sensible, angenehm spielbare Traktur.
«Während wir verschiedenste Prospektgestaltungsarten skizzierten,
drängte sich die Erkenntnis auf, dass die Orgelfront, bedingt durch
die seitliche und einseitige Aufstellung, möglichst schlicht und
flach gehalten werden sollte. Damit die nötige Tiefe des Werkes nicht
voll sichtbar wird, suchten wir die Lösung in einem konkaven Frontverlauf,
dessen seitliche Tiefe nur einen guten Meter beträgt.
Die Gestaltung des Entwurfs ist einfach und entspricht damit dem heutigen
Empfinden, wobei auf Schmuck bewusst verzichtet wird, da dieser durch
harmonische Formen sowie Detailgestaltung zum Ausdruck kommen soll. Als
Grundmodul wurde die Diagonale der Nordwand gewählt, wobei die Proportionen
der Prospektfelder und Gestaltungselemente als Teile dieses Grundmoduls
entstanden sind.
Weitere, die Nordwand prägende Elemente wurden verarbeitet, und
so sind die vertikalen Pfeiler, die horizontalen Gesimse sowie die Formen
und Rahmen der Bildnischen im Bogenbereich an der Orgel ablesbar. Auch
die Sprache der hochstehenden Säulen am Hochaltar ist zu vernehmen.
Die seitlichen, konvexen Ausrundungen klingen ebenfalls an die Altarform
mit ihren eindrücklichen Rundungen an und geben dem Gehäuse
Schlankheit und Zurückhaltung.» (Angebot der Firma Mathis Orgelbau
vom 17. Juli 1997)
Auf Wunsch der diözesanen Liturgie- und Kunstkommission sowie des
Bundesdenkmalamtes begannen nun mit dem verantwortlichen Basilikaarchitekten
Wolfgang Feyferlik lang währende Diskussionen um die definitive Prospektgestalt
der neuen Orgel, die letztlich nach Feyferliks Entwurf und Modell ein
vollständig neues Gewand erhielt und in dieser Form auch beschlossen
und verwirklicht wurde.
 
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Wegen der unterschiedlichen Giebelformen der Türen sowie der
westlich gelegenen Fensteröffnung lehnte Feyferlik einen symmetrischen
Orgelprospekt entschieden ab. Er konzipierte deshalb als Vertikalachse
einen schlanken quaderförmigen Mittelturm von etwa 12 Metern
Höhe, in den er oberhalb der Torgiebel einen liegenden asymmetrischen
Querkörper anfügte.
Für die Gestaltung des aus massivem Eichenholz gefertigten
Längsquaders wählte der Architekt ein Strichcode-Muster,
das durch vertikale Längsschlitze aus Holzleisten eine optimale
akustische Durchlässigkeit erhielt und somit den Klang des
über der Spielanlage nicht sichtbar eingebauten Präludiermanuals
(im Schweller) ungehindert ausströmen lässt. Für
den die Horizontale betonenden Querkörper aus Fichtenholz ging
Feyferlik von einer klassisch-symmetrischen Fünfgliedrigkeit
aus, die er gewissermassen in tiefere sowie wenig tiefe Prospektbereiche
«faltete» und dabei aus der Mittelachse verschob. Der
Längsquader der Orgel zeigt die behandelte Holzoberfläche,
während der Querkörper dezent farbig gefasst wurde, um
eine «Konkurrenz» zum Hochaltar Fischer von Erlachs
zu vermeiden.
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