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Restaurierung der Sonnenmixtur 2004
Die Sonnenorgel Am 12. Oktober 1997 wurde in der Stadtkirche St. Peter und Paul zu Görlitz unter der Schirmherrschaft von Bundesminister Prof. Dr. Klaus Töpfer und mit Bischof Klaus Wollenweber das neueste Werk der Glarner Firma Mathis Orgelbau AG, Näfels, eingeweiht und seiner Bestimmung übergeben. Auf den Tag genau vor 300 Jahren, am 12. Oktober 1697 hat die Stadt Görlitz mit dem Orgelbauer Eugenio Casparini den Werkvertrag zum Bau einer neuen Orgel für die Peterskirche abgeschlossen, welche bald unter dem Namen «Sonnenorgel» berühmt wurde. Die Kirche St. Peter und Paul steht direkt am Ufer der Neisse, dem Grenzfluss zu Polen. Sie ist damit die östlichste Stadtkirche Deutschlands und zugleich grösstes Gotteshaus sowie Predigtstätte des Bischofs der schlesischen Oberlausitz. Den Betrachter der 14,40 Meter hohen und 10,30 Meter breiten Orgelfassade beeindrucken zuerst die gewaltigen, mit überlebensgrossen Engeln bekrönten Pedaltürme, in denen auch die grösste Pfeife mit einer Gesamtlänge von 7,82 Metern ihren Platz findet. Dieses berühmte, vom Görlitzer Bildhauer Johann Conrad Büchau geschaffene Orgelgehäuse, worin Casparini sein Orgelwerk eingebaut hat, ist in seiner Verschmelzung von Formen des deutschen Barock mit Einflüssen der italienischen Renaissance einmalig in Deutschland und bei Orgelfachleuten in der ganzen Welt bekannt. Dieses Gehäuse hat die Jahrhunderte vollständig erhalten überdauert; bis auf die Pfeifen der 12-fachen Pedalmixtur in den «Sonnen», die der Orgel zu ihrem Namen verhalfen, und dem Register «Onda maris» («Meereswelle») ist vom Instrument Casparinis jedoch nichts mehr erhalten. 1926 wurde das gesamte, unspielbar gewordene Instrument ausgebaut, bis auf die obenerwähnten wenigen Teile vernichtet und durch ein elektropneumatisches Werk der Firma Sauer aus Frankfurt/Oder ersetzt. Die Sauer-Orgel mit 89 Registern, auf 4 Manuale und Pedal verteilt, tat jedoch kaum fünfzig Jahre ihren Dienst. 1978, zu Beginn der 1980 bis 1992 dauernden Kirchenrestaurierung, wurde das fast unspielbar gewordene Werk bis auf einige Holzpfeifen vollständig beseitigt. Seit 25 Jahren wurde über den Neubau der Sonnenorgel beraten. Der Kantor der Peterskirche KMD, Reinhard Seeliger, schreibt in der zur Orgelweihe erschienen Festschrift: «Es war ein langer Weg von den ersten Entwürfen bis zur fertigen Disposition. Viele Fragen galt es zu lösen. Sollte die neue Ogel eine Kopie der Casparini-Orgel werden? Sollte etwas ganz Neues im alten Kleid entstehen? Wie groß soll die neue Orgel sein? Welche Literatur soll auf ihr gespielt werden? Von der historischen Orgel waren nur das Gehäuse mit den «Sonnen» und Engeln sowie ein einziges Register erhalten geblieben. Beurteilungen von Zeitzeugen reichen von hohem Lob bis zu vernichtender Kritik. Keine einzige der Orgeln Casparinis ist erhalten geblieben. Die vorliegenden technischen Angaben sind derart widersprüchlich, dass es aussichtslos erscheint, eine echte Kopie der Sonnenorgel verwirklichen zu können. Auch der Klang der Caspariniorgel kann nicht in dem für eine Rekonstruktion erforderlichen Masse nachvollzogen werden. |
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Der von Matthias Eisenberg und mir vorgelegte Dispositionsentwurf wurde in mehreren Sitzungen von einer Expertenkommission beraten. Dieser gehörten folgende Persönlichkeiten an: KMD Dr. Christoph Albrecht, Berlin; Prof. Wolfgang Baumgratz, Bremen; Matthias Eisenberg, Keitum/Sylt; LKMD Rolf Lammert, Görlitz; Pfarrer Peter Lobers, Görlitz; Reinhard Seeliger, Görlitz; OKR Eberhard Völz, Görlitz. Der Erbauer der legendären Vorgängerin der neuen Orgel - Eugenio Casparini hatte in Süddeutschland, Österreich und Italien gewirkt, und so kamen für unsere Orgel vor allem Firmen des süddeutschen Raumes in Betracht. Etwa zwanzig Firmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz wurden gebeten, Referenzinstrumente zu benennen. Am 1. Mai 1994 konnte vom Gemeindekirchenrat der Beschluss über die Auftragsvergabe an die Mathis Orgelbau AG in Näfels (Schweiz) gefasst werden, und am 12. Mai 1995 konnte der Gemeindekirchenrat den Auftrag für den 1. Bauabschnitt des Neubaus der «Sonnenorgel» erteilen. Die Ansprüche an das neue Instrument sind enorm. Im 500. Jubiläumsjahr der Erbauung der Peterskirche und im 300. Jahr nach der Vertragsunterzeichnung des Orgelbaus mit Casparini soll eine Orgel erklingen, die allen Belangen des liturgischen Orgelspiels im Gottesdienst, aber auch den Anforderungen konzertanter Orgelmusik möglichst vieler Stilrichtungen gewachsen sein muss. Ausserdem will der Riesenraum bis in jeden Winkel mit Klang erfüllt werden. Unter all diesen Aspekten entstanden Überlegungen für eine neue Disposition, in welche das Casparini-Register und die verwertbaren Holzpfeifen von Sauer integriert wurden. Ebenso schien es ratsam, die einzelnen Teilwerke der Orgel (das Hauptwerk in der Mitte, das Oberwerk darüber, das Brustwerk über dem Spieltisch, Gross-, Klein- und Seitenbass-Pedal rechts und links im Gehäuse) in der von Casparini geplanten Anordnung und Aufteilung zu belassen. Von einem originalen Nachbau des Pfeifenwerkes der Casparini-Orgel wurde dennoch Abstand genommen, da sich einerseits für eine Rekonstruktion notwendiges Quellenmaterial sowie historischer Bestand kaum belegen liessen, andererseits die ursprüngliche Disposition zu einseitig erschien, um den Anforderungen, wie sie an der Hauptorgel eines exponierten Gotteshauses heutzutage gestellt werden, zu genügen. Die Casparinische «Onda maris», um die sich Legenden ranken, wie weiland um die Gabler'sche «Vox humana» der Orgel im Kloster zu Weingarten am Bodensee, ist heute im Oberwerk der Orgel eingebaut. Dieses Register aus Zypressenholz, weitgehend noch original erhalten, gepaart mit Principal 8', ist bezaubernd und betörend in seinem sphärischen Klang. Zur Freude der Benutzer der Orgel wurden die alten Registernamen in ihrer damaligen Orthographie belassen, Spielregister wie Sonne, Nachtigall, Vogelgesang, Kuckuck, Tamburo (Totentrommel) ergänzen den Reigen barocker Spielereien.» (Reinhard Seeliger) Die Görlitzer Sonnenorgel wurde in den Werkstätten in Näfels in voller Grösse zusammengesetzt und vorintoniert, um schliesslich - in hunderte von Einzelteilen zerlegt - mit Möbeltransportern nach Görlitz transportiert zu werden. In der Peterskirche wurde das Werk im Zeitraum von zwei Monaten in das historische Gehäuse eingefügt. Anschliessend an die Montage, während etwa 14 Wochen, geschah die klangliche Feingestaltung (Raumintonation), die Geschäftsleiter und Intonateur Hermann Mathis vornahm. Es bedeutete eine grosse Herausforderung für die ganze Belegschaft der Firma Mathis Orgelbau, in das beeindruckende und sagenumwobene Gehäuse der Casparini-Orgel ein neues Werk einzufügen und somit dem prächtigen Prospekt wieder ein Innenleben verleihen zu dürfen. Das neue Werk soll, klanglich übereinstimmend mit seinem jubilierenden Äusseren, kultische und kulturelle Handlungen in der Peterskirche mitprägen und zugleich von dem schon in der Barockzeit weltoffenen Geist der Görlitzer Metropole künden. Günter Lade
Link zur Fotogalerie «Görlitzer Sonnenorgel» der Edition Lade
Mathis 1997/2006 IV-P/88
Der Görlitzer Schnitzer und Bildhauer Johann Conrad Büchau gliederte einst die flächige, mit zwei seitlichen Blindflügeln versehene Prospektfront der Casparini-Orgel nicht nur in zwei mächtige Pfeifentürme und acht Pfeifenfelder, er konzipierte auch eine das Gehäuse bekrönende (stumme) Schnecke sowie über den gesamten Prospekt verteilt vier stumme sowie zwölf klingende «Sonnen», in denen er strahlenförmig die gleich langen, an der Rückseite jedoch verschieden tief ausgeschnittenen Pfeifen einer zwölffachen Pedalmixtur um ein goldenes Sonnengesicht anordnete. In der «Ausführlichen Beschreibung» des Organisten Christian Ludwig Boxberg 1704 heisst es u.a.: «Endlich ist noch etwas von denen Engeln und Sonnen / (daher die Orgel auch von dem Autore die Sonnen=Orgel benennet worden/) welche / wie schon gemeldet / eine 12fache Mixtur durchs Pedal formiren / zu gedencken. Sie stehen auf keiner Wind=Lade / sondern haben zu beyden Theilen der Orgel einen Canal / und ihre eigene Abstracten. Anstatt des Registers ist nur ein Ventil, wenn es gezogen wird / so läßt es den Wind in die beyden Canale. [...] Und weil die Pfeiffen / wie schon oben gedacht / durch alle Sonnen einerley Grösse sind / so möchte sich mancher wundern / wie es eine Mixtur durchs Pedal seyn könne. Es dienet aber zur Nachricht / daß sie von hinten auff geschnitten sind / wodurch sie die verlangte Höhe und Tieffe erreichet. Was es aber vor mühsame Arbeit dem Herrn Casparini gegeben / kan ieder Verständiger leichtlich ermessen. Im ganzen Pedale, so starck es auch ist / wird kein Bass gefunden / der ein wildes Brüllen von sich hören liesse / ob er gleich starck ist / sondern sie sind bey ihrer grossen force dennoch angenehm intoniret.» Erwähnung verdient, dass Casparini die Pedalmixtur mit einer Trombet
8. Fuß kombinierte, deren Pfeifen heute auf einer eigenen
Windlade hinter dem Prospekt im Inneren der Orgel Aufstellung fanden.
Restaurierung der Sonnen in der Werkstatt
Einbau der restaurierten Sonnen in den Prospekt der Sonnenorgel
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