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mechanische Spiel- und Registertraktur.

Rudolf Bruhin
Die historische Chororgel der Pfarrkirche
St. Peter und Paul zu Bürglen
Im Chor der Kirche befindet sich an der Süd- und Nordwand,
in einer Höhe von etwa sechs Metern, auf kleinen kastenförmigen
Holzemporen je ein gleichartiges Orgelgehäuse aus Fichtenholz
mit 21 Prospektpfeifen in 8’-Grösse. Die beiden Anlagen
sind stilistisch Schwalbennestorgeln nachempfunden. Abklärungen
ergaben, dass es sich beim südlichen „Orgelwerk“
um eine Attrappe handelt. Der Prospekt besteht aus 21 hölzernen,
gedrechselten und in Silber (Metallauflage) bemalten Scheinpfeifen,
analog der nördlichen Chororgel. Vermutlich stammt auch dieser
Scheinprospekt von der gleichen Hand wie das sich gegenüber
befindliche Werk, als dessen Erbauer durch ein 1996 im Turmknopf
aufgefundenes Dokument Victor Ferdinand Bossard belegt ist. Bemerkenswert
ist, dass es sich beim Prospekt auf der südlichen Chorempore
nicht nur um eine Scheinattrappe, sondern tatsächlich um ein
Orgelgehäuse handelt, in dem Platz für Pfeifen und Mechanik
vorhanden wären. Der Orgelkasten verfügt wie die spielbare
nördliche Chororgel über Ausschnitte an den inneren Seitenkanten
des Gehäusekranzes, was zur Vermutung Anlass geben könnte,
daß ursprünglich eigentlich zwei spielbare Chororgeln
geplant waren, aus finanziellen Gründen jedoch nur eine in
Auftrag gegeben und die andere für einen späteren Ausbau
vorerst als Attrappe belassen wurde.
1937/38 gingen beim Einbau einer Warmluftheizung wesentliche Teile
der spielbaren Chororgel verloren, deren Existenz in den folgenden
Jahrzehnten so weit in Vergessenheit geriet, dass sie wie der Scheinprospekt
auf der südlichen Empore nur mehr als Attrappe angesehen wurde.
Die Ausgangslage für die Wiederherstellung der Orgel
Im Hinblick auf das noch vorhandene Material, den Standort und
die historische Bedeutung dieser Orgel in organologischer, musikalischer
und denkmalpflegerischer Hinsicht entschloss sich die Kirchgemeinde
im Juni 1997, die Chororgel restaurieren beziehungsweise rekonstruieren
zu lassen. Das Instrument des berühmten Orgelbauers Victor
Ferdinand Bossard aus der Zeit von circa 1760 sollte wieder in den
Originalzustand zurückgeführt werden und der Liturgie
musikalisch zur Verfügung stehen. Die Firma Mathis Orgelbau
AG, in Näfels (Kanton Glarus), wurde mit diesem anspruchsvollen
Vorhaben betraut.
Die Orgelbauer aus Näfels erforschten die Örtlichkeiten
und entdeckten glücklicherweise auf dem Speicher des nahe gelegenen
Pfarrhauses eine Holzkiste mit mehrheitlich schwer beschädigten
Orgelpfeifen. Es stellte sich bald heraus, dass es sich um die Innenpfeifen
der Chororgel handelte, wovon lediglich 39 kleinere Zinnpfeifen
fehlten, die beim Orgelabbau um 1937 wohl in Privathäusern
der Umgebung als Souvenir aufgehängt wurden. Gleichzeitig musste
wieder eine Treppe vom nördlichen Nebenraum der Kirche als
Zugang zu Chororgel und Balgkammer errichtet werden. Auch war die
hölzerne Empore wieder herzurichten und die alte Heizungsanlage
zu entfernen. Teile der ehemaligen Windversorgung (Blasbälge,
Windkanäle) konnten hinter dem Orgelgehäuse leider nicht
mehr festgestellt werden, da anlässlich des erwähnten
Heizungseinbaues auch ein neuer Bretterboden eingezogen wurde und
somit weitere Spuren der früheren Orgelanlage verwischt waren.

Die Restaurierung der Chororgel 1997/98
Der Gehäuseunterbau mit der Manual- und der angehängten
Pedalklaviatur, die gesamte Spielmechanik mit Ausnahme des Wellenbrettes,
die Registertraktur mit den schmiedeeisernen Registerhebeln sowie
hinter der Orgel die Keilbalganlage mit dem Windkanal mussten originalgetreu
rekonstruiert werden. Als Vorbild dienten hierzu die historischen
Chororgeln der Klosterkirche in Muri (Aargau) sowie die 1985 durch
Mathis Orgelbau AG restaurierte Chororgel des Victor Ferdinand Bossard
in der Klosterkirche von Einsiedeln. as Orgelgehäuse, die Schleifwindlade
und das Pfeifenwerk konnten hingegen restauriert werden. Alle Arbeiten
wurden in der Orgelbauwerkstatt in Näfels ausgeführt.
Während der Restaurierung in Näfels und nach dem Wiederaufbau
der Orgel in der Kirche wurde die Farbgestaltung des Gehäuses
und der Schnitzereien (Schleierbretter, Seitenbärte und Figuren)
vom Restaurierungsatelier Stöckli AG, Stans (Nidwalden), untersucht.
Es konnten drei verschiedene Fassungen festgestellt werden: Die
älteste Marmorierung auf einem Kreidegrund ist englischrot,
roter Ocker mit rosa und weissen Adern. Als zweite Fassung fand
sich eine durchgehend grüne Marmorierung mit dünnen, aufgemalten
schwarzen Adern. Die dritte Fassung stammt aus der Zeit von etwa
1938. Es handelt sich dabei um eine „Rekonstruktion der originalen
Fassung“, ist jedoch im Gegensatz zum Originalzustand durchgehend
marmoriert. Im Einvernehmen mit dem Vertreter der kantonalen Denkmalpflege
(Herr Eduard Müller) und dem eidgenössischen Experten
(Herr Dr. André Meyer) beschloss die Bauherrschaft, die Chororgel
von Firma Willy Arn AG, in Lyss (Kanton Bern), neu fassen und farblich
der übrigen Kirchenausstattung anpassen zu lassen.

Die Spielanlage und Traktur
Für die mechanische Traktur wurden eine einarmige Klaviatur,
Holzabstrakten, Doppelventile für das Pedal sowie ein Pedalwellenbrett
aus Eisen rekonstruiert.
Das Manual hat 45 Tasten mit den Tönen CDEFGABHc° bis
c’’’. Die Tastenbeläge sind aus Buchsbaum
für die Untertasten sowie aus schwarz gebeiztem Birnbaum für
die Obertasten. Das Pedal aus Nussbaumholz hat 13 Tasten mit den
Tönen CDEFGABHc° bis e° und ist angehängt (13
Koppelventile).
Die aus Eisen geschmiedeten Registerschwerter in senkrechter Anordnung
sind links und rechts neben dem Manual angeordnet und aufgrund der
noch vorgefundenen und übermalten Registerbezeichnungen (nur
Initialen) wie folgt beschriftet: C[oppel] - O[ttava] – Manualklaviatur
- Q[uint] - M[ixtur] - P[rincipal].


Das Pfeifenwerk
Das Pfeifenwerk musste vollständig repariert und überarbeitet
werden, da alle Metallpfeifen beschädigt waren und die Holzpfeifen
teilweise starken Wurmbefall aufwiesen. 39 Metallpfeifen fehlten
und waren zu rekonstruieren. 5 Holzpfeifen mussten wegen Wurmbefalles
massgerecht nachgebaut werden. Aufgrund der bestehenden Pfeifenlängen
ergab sich eine ungleichstufige Temperatur mit einer Stimmtonhöhe
von 415,3 Hz für a’, bei einer Raumtemperatur von 10
°C.

Würdigung
Die Chororgel von Bürglen wurde von Victor Ferdinand Bossard
um das Jahr 1760 erbaut, wie die Schrift von Pfarrer Johann Sebastian
Wipfli bezeugt. Weitere aussagefähige Dokumente sind nicht
vorhanden und Signaturen in der Orgel konnten nicht festgestellt
werden. Anderseits wissen wir aus dem „Anerkennungsschreiben“
von 1710, dass beim Bau der Hauptorgel in der Kirche bereits eine
kleine Orgel vorhanden war. Da das Gehäuse und das restaurierte
Pfeifenmaterial teilweise älteren Datums sein könnte,
muss angenommen werden, dass Victor Ferdinand Bossard die Chororgel
vermutlich unter Verwendung älterer Teile errichtet hat.
Die wiedererstandene Chororgel ist historisch und musikalisch bedeutungsvoll.
Sie war der Fachwelt allgemein nicht bekannt und der Gemeinde aus
dem Gedächtnis entschwunden. Mit nur fünf Manualregistern,
einer kurzen Oktave, ohne die Töne Cis, Dis, Fis und Gis, und
einem kleinen angehängten Pedal ohne eigene Register, lassen
sich eher bescheidene, doch klangvolle musikalische Werke und vor
allem Improvisationen darstellen. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts
wurde das Instrument als „Werktagsorgel“ bezeichnet.
Dies lässt auf die Begleitung des Volksgesanges bei einer kleineren
Gemeindebeteiligung oder möglicherweise auf die Choralbegleitung
einer Schola schliessen. Allerdings sind wir über die Gesangs-
und Musizierpraxis von Bürglen im 18. und 19. Jahrhundert zu
wenig informiert.
Die Pfarrkirche von Bürglen und der Kanton Uri besitzen nun
mit diesem historischen und einwandfrei restaurierten Orgelwerk
wieder ein prächtiges Ausstattungsobjekt der Kirche und ein
gut klingendes, wohl intoniertes Musikinstrument von grossem Interesse
für die Fachwelt, das auch liturgisch bedeutungsvoll ist. Es
liegt nun an den Kirchenmusikern, die geeignete Literatur auszuwählen
und die Orgel entsprechend einzusetzen.



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