Mathis Orgelbau - Referenzorgeln
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Bürglen (CH),
kath. Pfarrkirche St. Peter und Paul

Bürglen, Mathis-Orgel



Disposition
1998 - Restaurierung der Chororgel (Victor Ferdinand Bossard, um 1760, I-P/5)

Manual, C D E F G A B H c° - c''' (45) Pedal, C D E F G A B H c° - e° (13)
Principal 8' angehängt  
Coppel 8'    
Ottava 4'    
Quint 3'    
Mixtur III     


mechanische Spiel- und Registertraktur.

 

Bürglen, Mathis-Orgel

 

Rudolf Bruhin
Die historische Chororgel der Pfarrkirche
St. Peter und Paul zu Bürglen

Im Chor der Kirche befindet sich an der Süd- und Nordwand, in einer Höhe von etwa sechs Metern, auf kleinen kastenförmigen Holzemporen je ein gleichartiges Orgelgehäuse aus Fichtenholz mit 21 Prospektpfeifen in 8’-Grösse. Die beiden Anlagen sind stilistisch Schwalbennestorgeln nachempfunden. Abklärungen ergaben, dass es sich beim südlichen „Orgelwerk“ um eine Attrappe handelt. Der Prospekt besteht aus 21 hölzernen, gedrechselten und in Silber (Metallauflage) bemalten Scheinpfeifen, analog der nördlichen Chororgel. Vermutlich stammt auch dieser Scheinprospekt von der gleichen Hand wie das sich gegenüber befindliche Werk, als dessen Erbauer durch ein 1996 im Turmknopf aufgefundenes Dokument Victor Ferdinand Bossard belegt ist. Bemerkenswert ist, dass es sich beim Prospekt auf der südlichen Chorempore nicht nur um eine Scheinattrappe, sondern tatsächlich um ein Orgelgehäuse handelt, in dem Platz für Pfeifen und Mechanik vorhanden wären. Der Orgelkasten verfügt wie die spielbare nördliche Chororgel über Ausschnitte an den inneren Seitenkanten des Gehäusekranzes, was zur Vermutung Anlass geben könnte, daß ursprünglich eigentlich zwei spielbare Chororgeln geplant waren, aus finanziellen Gründen jedoch nur eine in Auftrag gegeben und die andere für einen späteren Ausbau vorerst als Attrappe belassen wurde.

1937/38 gingen beim Einbau einer Warmluftheizung wesentliche Teile der spielbaren Chororgel verloren, deren Existenz in den folgenden Jahrzehnten so weit in Vergessenheit geriet, dass sie wie der Scheinprospekt auf der südlichen Empore nur mehr als Attrappe angesehen wurde.


Die Ausgangslage für die Wiederherstellung der Orgel

Im Hinblick auf das noch vorhandene Material, den Standort und die historische Bedeutung dieser Orgel in organologischer, musikalischer und denkmalpflegerischer Hinsicht entschloss sich die Kirchgemeinde im Juni 1997, die Chororgel restaurieren beziehungsweise rekonstruieren zu lassen. Das Instrument des berühmten Orgelbauers Victor Ferdinand Bossard aus der Zeit von circa 1760 sollte wieder in den Originalzustand zurückgeführt werden und der Liturgie musikalisch zur Verfügung stehen. Die Firma Mathis Orgelbau AG, in Näfels (Kanton Glarus), wurde mit diesem anspruchsvollen Vorhaben betraut.

Die Orgelbauer aus Näfels erforschten die Örtlichkeiten und entdeckten glücklicherweise auf dem Speicher des nahe gelegenen Pfarrhauses eine Holzkiste mit mehrheitlich schwer beschädigten Orgelpfeifen. Es stellte sich bald heraus, dass es sich um die Innenpfeifen der Chororgel handelte, wovon lediglich 39 kleinere Zinnpfeifen fehlten, die beim Orgelabbau um 1937 wohl in Privathäusern der Umgebung als Souvenir aufgehängt wurden. Gleichzeitig musste wieder eine Treppe vom nördlichen Nebenraum der Kirche als Zugang zu Chororgel und Balgkammer errichtet werden. Auch war die hölzerne Empore wieder herzurichten und die alte Heizungsanlage zu entfernen. Teile der ehemaligen Windversorgung (Blasbälge, Windkanäle) konnten hinter dem Orgelgehäuse leider nicht mehr festgestellt werden, da anlässlich des erwähnten Heizungseinbaues auch ein neuer Bretterboden eingezogen wurde und somit weitere Spuren der früheren Orgelanlage verwischt waren.

 

Bürglen, Mathis-Orgel       Bürglen, Mathis-Orgel


Die Restaurierung der Chororgel 1997/98

Der Gehäuseunterbau mit der Manual- und der angehängten Pedalklaviatur, die gesamte Spielmechanik mit Ausnahme des Wellenbrettes, die Registertraktur mit den schmiedeeisernen Registerhebeln sowie hinter der Orgel die Keilbalganlage mit dem Windkanal mussten originalgetreu rekonstruiert werden. Als Vorbild dienten hierzu die historischen Chororgeln der Klosterkirche in Muri (Aargau) sowie die 1985 durch Mathis Orgelbau AG restaurierte Chororgel des Victor Ferdinand Bossard in der Klosterkirche von Einsiedeln. as Orgelgehäuse, die Schleifwindlade und das Pfeifenwerk konnten hingegen restauriert werden. Alle Arbeiten wurden in der Orgelbauwerkstatt in Näfels ausgeführt.

Während der Restaurierung in Näfels und nach dem Wiederaufbau der Orgel in der Kirche wurde die Farbgestaltung des Gehäuses und der Schnitzereien (Schleierbretter, Seitenbärte und Figuren) vom Restaurierungsatelier Stöckli AG, Stans (Nidwalden), untersucht. Es konnten drei verschiedene Fassungen festgestellt werden: Die älteste Marmorierung auf einem Kreidegrund ist englischrot, roter Ocker mit rosa und weissen Adern. Als zweite Fassung fand sich eine durchgehend grüne Marmorierung mit dünnen, aufgemalten schwarzen Adern. Die dritte Fassung stammt aus der Zeit von etwa 1938. Es handelt sich dabei um eine „Rekonstruktion der originalen Fassung“, ist jedoch im Gegensatz zum Originalzustand durchgehend marmoriert. Im Einvernehmen mit dem Vertreter der kantonalen Denkmalpflege (Herr Eduard Müller) und dem eidgenössischen Experten (Herr Dr. André Meyer) beschloss die Bauherrschaft, die Chororgel von Firma Willy Arn AG, in Lyss (Kanton Bern), neu fassen und farblich der übrigen Kirchenausstattung anpassen zu lassen.

 

Bürglen, Mathis-Orgel

 

Die Spielanlage und Traktur

Für die mechanische Traktur wurden eine einarmige Klaviatur, Holzabstrakten, Doppelventile für das Pedal sowie ein Pedalwellenbrett aus Eisen rekonstruiert.

Das Manual hat 45 Tasten mit den Tönen CDEFGABHc° bis c’’’. Die Tastenbeläge sind aus Buchsbaum für die Untertasten sowie aus schwarz gebeiztem Birnbaum für die Obertasten. Das Pedal aus Nussbaumholz hat 13 Tasten mit den Tönen CDEFGABHc° bis e° und ist angehängt (13 Koppelventile).

Die aus Eisen geschmiedeten Registerschwerter in senkrechter Anordnung sind links und rechts neben dem Manual angeordnet und aufgrund der noch vorgefundenen und übermalten Registerbezeichnungen (nur Initialen) wie folgt beschriftet: C[oppel] - O[ttava] – Manualklaviatur - Q[uint] - M[ixtur] - P[rincipal].

 

Bürglen, Mathis-Orgel

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Das Pfeifenwerk

Das Pfeifenwerk musste vollständig repariert und überarbeitet werden, da alle Metallpfeifen beschädigt waren und die Holzpfeifen teilweise starken Wurmbefall aufwiesen. 39 Metallpfeifen fehlten und waren zu rekonstruieren. 5 Holzpfeifen mussten wegen Wurmbefalles massgerecht nachgebaut werden. Aufgrund der bestehenden Pfeifenlängen ergab sich eine ungleichstufige Temperatur mit einer Stimmtonhöhe von 415,3 Hz für a’, bei einer Raumtemperatur von 10 °C.

 

Bürglen, Mathis-Orgel

 

Würdigung

Die Chororgel von Bürglen wurde von Victor Ferdinand Bossard um das Jahr 1760 erbaut, wie die Schrift von Pfarrer Johann Sebastian Wipfli bezeugt. Weitere aussagefähige Dokumente sind nicht vorhanden und Signaturen in der Orgel konnten nicht festgestellt werden. Anderseits wissen wir aus dem „Anerkennungsschreiben“ von 1710, dass beim Bau der Hauptorgel in der Kirche bereits eine kleine Orgel vorhanden war. Da das Gehäuse und das restaurierte Pfeifenmaterial teilweise älteren Datums sein könnte, muss angenommen werden, dass Victor Ferdinand Bossard die Chororgel vermutlich unter Verwendung älterer Teile errichtet hat.

Die wiedererstandene Chororgel ist historisch und musikalisch bedeutungsvoll. Sie war der Fachwelt allgemein nicht bekannt und der Gemeinde aus dem Gedächtnis entschwunden. Mit nur fünf Manualregistern, einer kurzen Oktave, ohne die Töne Cis, Dis, Fis und Gis, und einem kleinen angehängten Pedal ohne eigene Register, lassen sich eher bescheidene, doch klangvolle musikalische Werke und vor allem Improvisationen darstellen. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Instrument als „Werktagsorgel“ bezeichnet. Dies lässt auf die Begleitung des Volksgesanges bei einer kleineren Gemeindebeteiligung oder möglicherweise auf die Choralbegleitung einer Schola schliessen. Allerdings sind wir über die Gesangs- und Musizierpraxis von Bürglen im 18. und 19. Jahrhundert zu wenig informiert.

Die Pfarrkirche von Bürglen und der Kanton Uri besitzen nun mit diesem historischen und einwandfrei restaurierten Orgelwerk wieder ein prächtiges Ausstattungsobjekt der Kirche und ein gut klingendes, wohl intoniertes Musikinstrument von grossem Interesse für die Fachwelt, das auch liturgisch bedeutungsvoll ist. Es liegt nun an den Kirchenmusikern, die geeignete Literatur auszuwählen und die Orgel entsprechend einzusetzen.

 

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