Mathis Orgelbau

Kurzprofil
- 1960  Gründung der Orgelbaufirma M. Mathis & Co. durch Manfred Mathis
- 1977  Umwandlung in eine Familien-AG
- 1992  Übernahme der Firma durch Hermann Mathis
- 2016  Übernahme der Firma durch Franz Höller und Hubert Stucki
- Geschäftsleiter: Franz Höller, Hubert Stucki, Hermann Mathis

 

Tätigkeitsbereich
- Neubau
- Restaurierung und Rekonstruktion
- Reinigung und Revision
- Stimmungen
- Service und Beratung

Charakteristik
- Umfassende Planung neuer Pfeifenorgeln  
- Herstellung sämtlicher Bestandteile inklusive Pfeifen in Einzelfertigung
- weltweit anerkannte Restaurierungstätigkeit an historischen Instrumenten


Näfels im Kanton Glarus





50 Jahre Mathis Orgelbau: 1960 - 2010

von Günter Lade

 

Die Mathis Orgelbau AG ist ein Familienunternehmen, das 1960 von Manfred Mathis gegründet wurde und heute zu den führenden Werkstätten des europäischen Orgelbaus zählt.


Manfred Mathis - 1927 in Näfels geboren - absolvierte eine Schreinerlehre, bevor er ab 1945 in Genf bei Gustave Tschanun sowie dessen Nachfolger Rudolf Ziegler zum Orgelbauer ausgebildet wurde. 1949 legte er die Gesellenprüfung ab und verbrachte anschliessend in Frankreich einen mehrmonatigen Studienaufenthalt in einigen Orgelbaubetrieben, bevor er in die Schweiz zurückkehrte und hier intensiv mit den französischen Intonateuren Maurice Hurbein und Paul Beurtin zusammen arbeitete. Beide Meister waren einst in den berühmten Werkstätten Cavaillé-Coll/Mutin in Paris bzw. Merklin in Lyon beschäftigt und hatten nach dem Erlöschen dieser Firmen in der Schweiz ein neues Tätigkeitsfeld gefunden. Manfred Mathis lernte bei ihnen aus erster Hand die Intonation französisch-romantischer Zungen-, Streicher- und Flötenstimmen. 1956 wurde er Intonateur der Firma Metzler in Dietikon, am 3. Mai 1960 machte er sich selbständig und gründete in Näfels im ehemaligen Ökonomiegebäude des Letzhofes (Foto) einen eigenen Betrieb.  

Manfred Mathis Mathis Orgelbau
Manfred Mathis          Erstes Werkstattgebäude im Näfelser Letzhof

Bescheiden ausgestattet mit seinem persönlichen Orgelbauwerkzeug, einer Hobelbank, einigen Möbeln, einer Schreibmaschine und einem Occasionsauto hatte Manfred Mathis das Glück, nur kurze Zeit nach Firmengründung Arbeit zu erhalten und mit seinem Schaffen Vertrauen und damit weitere Aufträge zu gewinnen: Am 30. Mai 1960 konnte mit der Benediktinerabtei in Disentis der Vertrag für den Einbau eines neuen Werkes mit 8 Registern in das von Silvester Walpen (1802) stammende Rückpositivgehäuse (als zusätzliches Werk zur grossen Orgel) abgeschlossen werden. Kurz darauf folgte der Auftrag für das erste vollständige Instrument, eine zweimanualige Orgel in der Kapelle des Diakonissen-Mutterhauses in Riehen.

Disentis, Abteikirche Riehen
Disentis (CH), Klosterkirche                                 Riehen (CH)  

Mathis' strenger kunsthandwerklicher Grundsatz, unter Rückbesinnung auf die Werte der barocken Orgelbaukunst ausschliesslich beste Qualitätsarbeit zu leisten, zeitigte Erfolg: „Ende der fünfziger Jahre kam die ‚kernstichlose Intonation' in Mode, eine Intoniertechnik, die ich mir bereits angeeignet hatte. In der Schweiz wurde diese Novität noch selten praktiziert. Die intensive Auseinandersetzung mit dieser Stilwende, verbunden mit der damit zusammenhängenden Besinnung auf die instrumentenbaulichen Gesetzmässigkeiten der Orgel bis in die letzte Konsequenz (wie Gehäuse, Trakturen, Werkgestaltung, Windanlage usw.) erkannte ich als vorrangige Aufgabe. In dieser Situation besass mein junger Kleinbetrieb eine optimale Wendigkeit und Anpassungsfähigkeit. Diese Konstellation brachte viele Interessenten und Kunden ins Haus.“

Orgelneubauten wie beispielsweise in Altendorf, Pfarrkirche St. Michael (1961, II-P/24) sowie der ersten dreimanualigen Mathis-Orgel in Goldach, Pfarrkirche St. Mauritius (1962, III-P/44) folgte bereits 1963 der erste Auslandsauftrag: Manfred Mathis' junge Firma wurde mit dem Bau einer dreimanualigen Orgel für die barocke Schutzengelkirche in Eichstätt betraut. Nach Jahren des kunsthandwerklichen Niedergangs im Orgelbau (Freipfeifenprospekte, verstreute Werkaufstellungen, rein elektrische Traktursysteme, etc.) sollte dieses Instrument erstmals in Süddeutschland wieder eine rein mechanische Traktur mit geschlossenen Gehäusen, logischen Werkverteilungen und niedrigen, abgestuften Winddruckbemessungen erhalten. Das 1966 vollendete Werk war klanglich wie auch technisch richtungsweisend und brachte dem nun bereits 12 Mitarbeiter umfassenden Näfelser Betrieb ein auf Jahre gefülltes Auftragsbuch ein.

 

Eichstätt, Schutzengelkirche
Eichstätt (DE), Schutzengelkirche

Da sich die Räumlichkeiten im Näfelser Letzhof bald als zu klein erwiesen, hatte Manfred Mathis noch 1963 an der Näfelser Hauptstrasse ein landwirtschaftliches Gebäude erworben und in eine Zinnpfeifenwerkstatt mit angrenzendem Intonierraum umgebaut. Das Platzproblem war jedoch damit nicht dauerhaft gelöst und so kaufte Mathis 1965 am Näfelser Kleinlinthli ca. 6000 m2 Industrieland, um hier in mehreren Etappen eine neue Produktionsstätte aufzubauen. 1966 fand der erste Spatenstich für ein Werkstattgebäude mit Montagehalle und Maschinenraum statt. 1969/70 - dem Betrieb gehörten nun bereits über 20 Mitarbeiter an - folgte der zweite Bauabschnitt: Das Festhalten an der traditionellen Massivholzbauweise erforderte eine grosse Lagermenge erstklassigen, naturtrockenen Schnittholzes und so wurde nun in Kombination mit einer Zinnpfeifenwerkstatt, zwei Intonierräumen, einer Schlosserei und einem Magazin eine grosse halboffene Holzlagerhalle errichtet.

 

Holzlager Mathis Holzlager
Holzlager

Ende der siebziger Jahre standen mehrere grössere Instrumente auf dem Arbeitsprogramm, u.a. für Näfels, Pfarrkirche St. Hilarius (III-P/39), Bern, Dreifaltigkeitsbasilika (III-P/41), Zürich-Altstetten, Heilig Kreuz Kirche (III-P/34), Wil, Stadtkirche St. Nikolaus (III-P/45) in der , Schaan, Pfarrkirche St. Laurentius (III-P/36) in Liechtenstein, Ingolstadt, Franziskanerkirche (III-P/35), Neumarkt i.d. Oberpfalz, Stadtkirche St. Johannes (III-P/43) in Deutschland, Ried im Innkreis, Stadtpfarrkirche St. Peter und Paul (III-P/35) in Österreich sowie Brunico, Chiesa parrocchiale Sta. Maria Assunta (III-P/38) in Italien. Da diese Orgeln teilweise bis zu dreizehn Meter Höhe aufweisen sollten, bedingte dies 1979 die Errichtung eines entsprechend hohen und grossen Montagesaales mit modernsten Hebeeinrichtungen. Als letzter Bauteil wurde schliesslich 1995 ein eigener Bürotrakt hinzugefügt.

 

Mathis Orgelbau
Näfels, Am Linthli 10

Der Betrieb wird seit 1992 in der zweiten Generation von Hermann Mathis geführt, der im Frühjahr 1971 als Lehrling in die Firma eintrat und hier zum Orgelbauer, Klanggestalter und Intonateur ausgebildet wurde. Daneben absolvierte er auch ein Klavier-, Orgel- und Chorleiterstudium und wirkt bis heute nebenberuflich als Organist und Chorleiter der Dreikönigskirche in Netstal.

Hermann Mathis
Hermann Mathis

Manfred Mathis konnte anlässlich des 25jährigen Firmenjubiläums stolz feststellen: „Das weltweit anerkannte Renommee unseres Hauses verdanken wir zum grössten Teil unserem Personal, welches selbst während der ‚wilden' Hochkonjunkturjahre zur Firma hielt, nämlich jenen Leuten, die täglich gewissenhaft ihre Pflicht erfüllen und sich auszeichnen durch ihr Können und ihr hohes Berufsethos“.

Die Beschäftigung hoch qualifizierter Facharbeiter ist auch heute noch wesentlicher Bestandteil der Firmenphilosophie. Sie garantiert, dass mit Ausnahme der elektronischen Komponenten alle Einzelteile einer Orgel wie auch Gehäuse und das gesamte Pfeifenwerk im eigenen Hause hergestellt werden können. Mathis Orgelbau ist somit ein Kunsthandwerkbetrieb, in dem stets nur an einem Werk gearbeitet wird. Der gesamte Entstehungsprozess eines neuen Instruments bleibt überschaubar und jede Orgel wird als Unikat gefertigt.

Olten, Orgel Mariazell, Hauptorgel
Olten (CH), St. Martin                     Mariazell (AT), Hauptorgel


Einsiedeln (CH), Klosterkirche: Marienorgel


Zur Firmenphilosophie zählt auch die eigene Zinnpfeifenwerkstatt, in der jährlich tonnenweise reines Zinn und Blei verarbeitet werden. Wie vor Jahrhunderten im Orgelbau üblich, wird das im Schmelzkessel legierte Metall zu Platten gegossen, aus denen dann in alter handwerklicher Manier die einzelnen Pfeifen hergestellt werden. Für die Fabrikation der 5301 Metallpfeifen der Basler Münsterorgel wurde beispielsweise monatelang im Betrieb geschmolzen, gerollt, gehobelt, geschnitten, gerundet, gelötet und vorintoniert. Das Herstellen der Pfeifen in der eigenen Werkstatt garantiert nicht nur bei Neubauten sondern auch bei Restaurierungen bzw. Rekonstruktionen von historischem Pfeifenmaterial exzellente Klangergebnisse.

Zinngiessen Zinnplatte

Zinnplatten Zinnplatten gerollt

Formen Löten


Da technisch getrocknetes Holz im qualitativ hochstehenden Instrumentenbau immer Risiken in sich birgt, werden die Massivhölzer im Holzlager von Mathis Orgelbau nach wie vor in traditioneller Art während vier bis zwölf Jahren gelagert und damit naturgetrocknet. Diese optimal vorbereiteten Hölzer werden dann zu den verschiedensten Holzbestandteilen einer Orgel wie Gehäuse, Windladen, Rasterbretter, Pfeifen oder Abstrakten verarbeitet.

 


Holzpfeifen Raster

Spieltisch Abstrakten


Die überaus komplexe Konstruktion einer Pfeifenorgel muss bis in das kleinste Detail auf die speziellen Gegebenheiten des jeweiligen Bestimmungsortes abgestimmt sein. Von einem guten Orgelbauer werden deshalb sowohl handwerkliche Fähigkeiten wie auch ein grosses stilistisches Einfühlungsvermögen verlangt. Neben der Qualität der Materialien und der handwerklichen Ausführung legt Mathis Orgelbau deshalb auch auf das äussere Erscheinungsbild der neuen Instrumente grossen Wert. Eine Orgel soll sich stets harmonisch in die Architektur ihres Bestimmungsraumes einfügen und ihn ergänzen, jedoch nicht beherrschen. Die Gestaltung der Orgelprospekte und -gehäuse ist ein lang währender Prozess, bis nach zahlreichen Entwürfen und Diskussionen mit Bauherrschaften, Organisten, Architekten sowie kirchlichen und staatlichen Behörden die optimale architektonische Gestaltung eines neuen Instruments gefunden ist.

 


Vatikan, Orgel Sixtina
Vatikan, Sixtinische Kapelle

Von wesentlicher Bedeutung sind auch die akustischen Eigenheiten eines Raumes und die musikalischen Bedürfnisse eines Auftraggebers, da diese Parameter für die Grösse einer neuen Orgel und ihr Klangbild prägend sind. So kommen wir in der Beschreibung der Firmenphilosophie von Mathis Orgelbau zum Klang der Instrumente, deren Mensurplanung auf der Grundlage sorgfältiger akustischer Analysen der jeweiligen Bestimmungsräume vorgenommen wird. Nach den Mensurplänen werden dann die Metall- und Holzpfeifen hergestellt, vorintoniert und schliesslich am Aufstellungsort zur klanglichen Vollkommenheit gebracht. Die Intonateure des Hauses Mathis sind im Nebenamt selbst als Organisten tätig und somit sehr gut mit den Erfordernissen der kirchenmusikalischen Praxis sowie des konzertanten Repertoires vertraut. Sie streben nach einem obertonreichen und singenden Klangbild ohne Härte und Schärfe, das nicht nur ausgewogen kraftvolle Plena, sondern auch elegante, farblich und dynamisch vielfältig abgestufte Registrierungen erlaubt.

Görlitz, Sonnenorgel
Görlitz (DE), Sonnenorgel

In den vergangenen fünfzig Jahren durfte Mathis Orgelbau in vielen Ländern der Erde über 400 neue Instrumente erbauen und historisch wertvolle Orgeln aus verschiedenen Epochen restaurieren. Die Mitarbeiter sind dankbar und freuen sich, mit ihrem Schaffen an vielen Orten der Welt Sonntag für Sonntag zur Verherrlichung Gottes beizutragen und Menschen in Konzerten sowie mit Rundfunk-, Fernseh-, DVD- und CD-Aufnahmen bedeutender Interpreten Freude bereiten zu dürfen.

Basel, Münsterorgel
Basel (CH), Münster

 

 

Fotos: Mathis-Orgelbau, Günter Lade, Rainer Kitte, Kloster Disentis